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In Kriegsgefangenschaft

Hermann Kronemeyer geriet am 17. April 1945 im niederländischen Voorthuizen in kanadische Kriegsgefangenschaft und kam daraufhin nach Belgien in das britische Kriegsgefangenenlager Zedelgem.


Kriegsgefangenenlager Zedelgem


Das Kriegsgefangenenlager Zedelgem befand sich auf dem Gebiet des heutigen Naturschutzgebiets Vloethemveld, etwa zehn Kilometer südwestlich von Brügge. Es handelte sich ursprünglich um ein Munitionsdepot der belgischen Armee, das im September 1944 von deutschen Truppen gesprengt und später von den Briten als Lager für gefangen genommene Wehrmachtssoldaten eingerichtet wurde. Nicht nur Deutsche und Österreicher wurden hier untergebracht, sondern auch baltische Kriegsgefangene aus Estland, Lettland und Litauen, die ebenfalls auf deutscher Seite kämpften.


Das Hauptlager Zedelgem war in vier Einzellager unterteilt:

  • 2226 POW Camp

  • 2227 POW Camp

  • 2229 POW Camp

  • 2375 POW Camp

Jedes dieser Teillager hatte seine eigenen Waschmöglichkeiten, Küchen, Schlafquartiere, eine Kapelle, eine Arrestzelle, ein Krankenzimmer und weitere Einrichtungen.


Hermann Kronemeyer kam am 19. April 1945 ins Zeltlager 2229, wo sich im Mai zwischen 14.000 und 15.000 Kriegsgefangene aufhielten, während sich in allen vier Teillagern zusammen zu dieser Zeit etwa 62.000 Gefangene befanden. Schätzungen zufolge kamen insgesamt um die 160.000 Kriegsgefangene ins Hauptlager Zedelgem. Ein Bild des Zeltlagers 2229 ist unter diesem Link zu finden. Auch der spätere deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt befand sich als Kriegsgefangener in Zedelgem (2226).


Beim Transport meines Urgroßvaters und seiner Mitgefangenen nach Belgien handelte es sich um einen der ersten Transporte zum Teillager 2229, das erst kurz zuvor errichtet worden war.


Mittlerweile war es dunkel, als der Zug langsamer wurde. Ich blickte aus der Luftklappe und sah, dass wir durch einen kleinen Bahnhof fuhren, doch erst mitten in einem Feld hielt der Zug. […] In der Dunkelheit konnte ich nichts erkennen, sprang aus der Waggontür und stürzte einen steilen Bahndamm hinunter.

Aus: Keute 2022: 157.


Obwohl es eine Zugverbindung zwischen dem Bahnhof Zedelgem und dem Lager gab, hielten die eintreffenden Gefangenenzüge etwa eineinhalb Kilometer vom Lagereingang entfernt auf einem Bahndamm. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass die Züge jeweils erst in der Nacht in Zedelgem ankamen – diese zeitliche Abstimmung diente dem persönlichen Schutz der Kriegsgefangenen, weil die belgische Bevölkerung ihnen gegenüber so feindselig eingestellt war. Nach der Aufnahme wurden die Gefangenen registriert und mit DDT entlaust.


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Hermann Kronemeyers Aufnahmeschein.

Die Kriegsgefangenen wurden in drei Kategorien eingeteilt:

  • Gefangene der Kategorie A wurden bald in ihr Heimatland entlassen,

  • Gefangene der Kategorie B wurden als Zwangsarbeiter in Großbritannien oder in den belgischen Kohleminen eingesetzt,

  • Gefangene der Kategorie C mussten sich in Großbritannien einem Entnazifizierungsprogramm unterziehen.

Über die Kategorie meines Urgroßvaters liegen mir keine Informationen vor. Er hat mir erzählt, dass im Lager das Gerücht umging, auch er und einige seiner Mitgefangenen würden nach Großbritannien geschickt werden, weshalb er in der Kategorie B für potenzielle Zwangsarbeiter gewesen sein könnte. Da er nach Kriegsende jedoch relativ schnell nach Deutschland entlassen wurde, war er möglicherweise in der Kategorie A.


In diesem Video wird das Vloethemveld als Naturschutzgebiet mit seiner Geschichte vorgestellt. Zu sehen sind zwischen Minute 0:37 und 1:18 unter anderem Originalaufnahmen des Barackenlagers und des Zeltlagers.

Weitere Bilder und Informationen aus einer Ausstellung über das Kriegsgefangenenlager sind in diesem Blogartikel zu finden.



Entlassung


Aus dem Lager Zedelgem wurde mein Urgroßvater am 10. Juni 1945 im Zuge der Operation Barleycorn entlassen, bei der Landwirte in ihre Heimat zurückkehren durften, um wegen der unzureichenden Versorgungslage Nahrungsmittel für die Bevölkerung anzubauen. Vom Lager aus liefen die Entlassenen vermutlich zu Fuß zum etwa fünf Kilometer entfernten Bahnhof Zedelgem und wurden von dort aus mit Zügen und Militärlastern nach Deutschland gefahren.


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Hermann Kronemeyers Entlassungsschein.

Der Stempel der Drogerie in Nordhorn mit der Angabe »30 g« bezieht sich darauf, dass mein Urgroßvater dort gegen Vorlage seines Entlassungsscheins dreißig Gramm Textilfarbe erhielt, um seine Uniform schwarz zu färben. Feldgraue Uniformen durften nicht mehr getragen werden.



Kriegsgefangenenentlassungslager Weeze


Nach seiner Entlassung aus Belgien verbrachte mein Urgroßvater einige Tage in einem Lager in der Nähe von Kleve am Niederrhein – vermutlich im Kriegsgefangenenentlassungslager Weeze, das von den Briten auch als »Collecting Center Weeze« bezeichnet wurde. Es handelte sich um ein von der britischen Militärverwaltung angelegtes und über ein Hektar großes Ackergelände, das von Zäunen, Stacheldrahtrollen und Spanischen Reitern umgeben war. Dort wurden zwischen 1945 und 1948 etwa 230.000 Kriegsgefangene aus deutschen, belgischen und niederländischen Lagern registriert und entlassen. Bis sie ihre Papiere erhielten, blieben sie oft mehrere Tage vor Ort und »übernachteten unter durchweichten Zeltplanen auf dem schlammigen Acker« (KuLaDig – Kultur. Landschaft. Digital. o. J.). Auch der deutsche Schriftsteller Heinrich Böll durchlief einige Monate später das Entlassungslager Weeze.



Vermisstensuche nach dem Krieg


Im Lager Weeze erlebte mein Urgroßvater, dass einige Frauen an den Zaun kamen, um nach ihren vermissten Angehörigen zu fragen. Im Zuge des Zweiten Weltkriegs gab es in Deutschland um die 20 Millionen Menschen, die vermisst wurden, darunter nicht nur Soldaten und Kriegsgefangene, sondern auch Vertriebene, Flüchtlinge und Ausgebombte.


Oft kam es vor, dass Menschen Suchplakate anfertigten und in der Öffentlichkeit aufhängten. Im Folgenden ist ein solches Suchplakat meines Urgroßonkels Jan Hindrik Keute zu sehen, der 1944 bei Witebsk im heutigen Weißrussland vermisst wurde. Sein Schicksal konnte bis heute nicht aufgeklärt werden.


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Das Deutsche Rote Kreuz richtete 1945 einen Suchdienst ein und konnte zahlreiche Menschen wieder zusammenbringen. Heute sind jedoch längst nicht alle Schicksale geklärt, noch immer werden rund 1,3 Millionen Menschen vermisst und jährlich gehen mehrere Tausend Anfragen beim Deutschen Roten Kreuz ein.



Quellen:


Deutsches Rotes Kreuz (o. J.): Angehörige gesucht: wegen des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Teilung vermisst, [online] https://www.drk-suchdienst.de/wie-wir-helfen/suchen/zweiter-weltkrieg/ [letzter Aufruf: 01.02.2023].


Deutsches Rotes Kreuz (o. J.): Kriegsgefangene und Vermisste, [online] https://www.drk-suchdienst.de/wie-wir-helfen/suchen/zweiter-weltkrieg/kriegsgefangene-und-vermisste/ [letzter Aufruf: 01.02.2023].


Keute, Celina (2022): Schüsse in der Stille. Hermann Kronemeyers Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg. Hamburg: Tredition.


KuLaDig – Kultur. Landschaft. Digital. (o. J.): Kriegsgefangenenentlassungslager Weeze, [online] https://www.kuladig.de/Objektansicht/BODEON-NWP-2020-0020-23032020-309578 [letzter Aufruf: 27.02.2022].


Persönliche Interviews mit Hermann Kronemeyer (2015–2022).


Persönliche Kommunikation mit dem Zedelgem-Experten Pol Denys (2021).


Zedelgem (o. J.): Vloethemveld, [online] https://www.zedelgem.be/vloethemveld [letzter Aufruf: 01.02.2023].

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